Zwischen Zuckerwattenwelt und Zeitgeschehen

„Wie schreibt man auf einem Blog weiter, der sich überwiegend, um schöne, um positive Dinge dreht, wenn immer mehr Schlimmes um einen herum passiert?“ Das habe ich mich gestern Abend, heute Morgen gefragt, ja tue dies immer noch. Normalerweise hätte ich es wohl einfach getan, aber nachdem ich in die Zeitung geschaut hatte, war mir nicht mehr danach, über Socken zu bloggen (das hätte heute eigentlich auf dem Programm gestanden). Nicht nur der Tod von 12 Menschen, nicht nur ein massiver Angriff auf die Meinungsfreiheit hat da stattgefunden, nein auch die Reaktionen widern mich teilweise an: Da werden Einzeltätern zum Opfer gefallene Journalisten von hasserfüllten Islamfeinden instrumentalisiert, um damit PEGIDA-Aufmärsche zu rechtfertigen und Bauernfang zu betreiben. Wie ekelerregend ist das bitte?!

Vielleicht hätte ich die folgenden Zeilen auch gar nicht geschrieben, wäre ich nicht – nachdem ich mich durch sämtliche Zeitungsberichte zur Sachlage in Paris gewühlt hatte – auf einen Artikel zum Thema Entschleunigung im Zeit Magazin aufmerksam. Dieser thematisiert zunächst einmal die Überforderung vieler Menschen mit ihrem stressigen Alltag, die Rückbesinnung auf traditionelle Werte wie „Haus, Hof und Familie“ und den Wunsch nach einem Rückzugsort, einer Entschleunigung des eigenen Lebens. Dabei werden Yoga und der Erfolg von „Wohlfühlmagazinen“ genauso wie ein neuer Hang zu bodenständigen Hobbies wie Häkeln, Nähen, Backen oder Kochen angesprochen. Gleichzeitig entwickelt die Autorin einen vorwurfsvollen Unterton, einen der von Weltflucht berichtet, von Desinteresse gegenüber dem Leiden der Welt. Sie erzählt von Zeitschriften, die über Nachrichten erst berichten, wenn sie 3 Monate alt sind und die*der Leser*in schon eine Distanz zu den Geschehnissen entwickelt hat, über vegane und nachhaltige Mode, die sich nicht jede*r leisten kann, über „First World Problems“.

Wenngleich sie es gut meint, gut meint wenn sie resümiert, dass man hinschauen sollte, die Augen vorm Leiden anderer Menschen und vor politischen Problemen nicht verschließen darf und dabei betont, dass nicht nur am anderen Ende der Welt, sondern auch direkt vor der Haustür Herausforderungen verschiedenster Art warten, fühlte ich mich auf eine unangenehme Art angesprochen, denn diejenige über die sie da schreibt, die Generation, die sie da eindimensional auseinandernimmt, der pauschal unpolitisches Agieren zur Last gelegt wird, das bin ich. Das sind wir.

Ja, es ist richtig: Ich nähe, häkel und bastel gerne, vom Kochen, Backen und Bloggen (wobei letzteres nicht erwähnt wird) brauche ich ganz offensichtlich gar nicht erst zu reden. Home- und Garden-Themen interessieren mich ebenfalls und bei Yoga bin ich prinzipiell auch gern dabei, vorausgesetzt, es wird nicht zu esotherisch vermittelt. Ich erschaffe mir gerne eine schöne Welt aus Cookies, 50er Jahre-Kleidung und Kuscheldecken, die mich inspiriert und mir hilft, Berliner Regenwetter oder das Schreiben der Masterarbeit gut rumzubringen. Gleichzeitig (oh Wunder) vermag ich es aber trotzdem, mich mit dem Zeitgeschehen auseinanderzusetzen. Ich lese beinahe täglich 2 überregionale und zwei Lokalzeitungen, versuche, im Internet, so gut es eben geht, gegen Hass und Ungerechtigkeit jeglicher Art anzuschreiben, gehe gelegentlich auf Demonstrationen. Und ich weiß, dass das ganz viele von euch so machen. Und das macht mich richtig froh, denn – um die Ärzte zu zitieren – „Es ist nicht Deine Schuld, dass die Welt ist, wie sie ist. Es wär nur Deine Schuld, wenn Sie so bleibt.“

Letztendlich ist es an uns, unser Leben im Kleinen, die Welt im Großen positiv zu gestalten und zu verändern. Sich zu solidarisieren. Zu demonstrieren. Flüchtlinge zu unterrichten. Zu Spenden. Oder zumindest nicht wegzuhören/wegzuschauen, wenn man mitbekommt, dass andere aufgrund ihrer Religion, ihrer Hautfarbe, ihrer Nationalität, ihres Geschlechts oder ihrer Augenfarbe angefeindet werden. Dass man als Einzeln*r nichts bewirken kann, sollte dabei genauso wenig Argument sein, wie beim Veganismus. Und auch, wenn ich morgen doch noch über die bunten Socken oder ein anderes Thema blogge, sollte das hier nicht in Vergessenheit geraten.

8 Gedanken zu „Zwischen Zuckerwattenwelt und Zeitgeschehen

  1. danielajaeggi

    Ich finde – wie wohl alle – furchtbar, was geschehen ist. Aber wenn wir nun unsere Blogs alle auch noch mit diesem Elend füllen, wird die Welt davon nicht besser. Kein bisschen. Schlimm genug, dass die Medien nun künstlich eine Jetzjagd lancieren, die wohl auch nicht gerade förderlich für den Frieden ist. Ich habe deshalb beschlossen, meinen Blog so weiterzuführen, wie ich das immer tue. Mit Schalk, und einem Augenzwinkern. Vom all dem Anderen sind schon die Zeitungen und Zeitschriften voll – mehr geht nicht! :-)

    Antwort
    1. Miss Diamond Autor

      Hey :)
      danke für deinen Kommentar! Sicherlich werde ich auch „wie bisher“ weitermachen, in dem Sinne, als ich hier in Zukunft in erster Linie immer noch über Rezepte, Kleidung oder Nachhaltigkeit bloggen werden. Manchmal, wenn die Situation jedoch besonders drastisch wird, dann entwickel ich das Bedürfnis, den Blog als Platform auch dazu zu nutzen, ein politisches Statement zu geben, um nicht gar nichts zu sagen. Sicherlich, vordergründig ist dies kein Blog mit politischen Inhalten, aber der Artikel, den ich gestern als Aufhänger genommen habe, hat eben wirklich eine Spaltung zwischen denjenigen, die sich in ihrem Alltag gerne „cosy“ einrichten und denen, die sich fürs „echte Leben“ interessieren hergestellt. Das mochte ich so nicht stehen lassen, sondern festhalten, dass das für mich kein Widerspruch ist und die Tatsache, dass es vordergründig nicht sichtbar ist, nicht bedeutet, dass man automatisch unpolitisch oder Schlimmeres ist.

      Alles Liebe
      Natalie

      Antwort
  2. Stadtpflanze

    Für mich ist das, was neuerdings als „Entschleunigung“ bezeichnet wird, und politisches Interesse kein Widerspruch. Ohne eine gute Psychohygiene hält man die ständige Konfrontation mit den „Schattenseiten des Lebens“ auch kaum durch.

    Antwort
    1. Miss Diamond Autor

      Ja, genauso sehe ich das auch! Nur weil man sich seinen Alltag gerne „bewusst“ gestaltet, bedeutet dies nicht, dass man ein weltfremder Idiot ist, der sich für fremde Leiden nicht interessiert. Sicherlich ist es ein Privileg, sich mit einer Decke aufs Sofa oder in den Schrebergarten zurückziehen zu können, aber die Autorin argumentiert eben auf dem Niveau von: „Wie, du bist depressiv? Anderen Leuten geht es doch viel schlechter…“ Ich denke auch, dass eine innere Balance sehr wichtig ist und Maßnahmen, die darauf abzielen, diese zu erreichen nicht derartig verurteilt werden sollten…

      Alles Liebe
      Natalie

      Antwort
      1. Stadtpflanze

        Mir fällt gerade noch ein anderer Aspekt ein, den die Autorin ebenfalls nicht bedacht hat: Selbstgestricktes garantiert, dass zumindest dieser Arbeitsschritt ohne Ausbeutung stattgefunden hat. Eine gepflanzte Blume trägt zur Sauerstoffproduktion und zur Reduktion der Luftverschmutzung bei. Ist das nicht politisch?

        Was ist politisch und sozialpolitisch gesehen produktiver: Einen Artikel zu schreiben oder eine Blume zu pflanzen? Anprangern vs. Handeln?

        Beides ist wichtig! Beides sind Puzzleteile, die zu einem großen Ganzen beitragen.

        Und noch etwas anderes: Nach der Argumentation des Artikels wäre selbst Ghandi ein schlechter Mensch. (Ironie:) Die ganze Zeit, die er auch in seine persönliche Entwicklung steckte, hätte er ja wohl für etwas Sinnvolleres nutzen können …. (Ironie Ende)

      2. Miss Diamond Autor

        Auch in diesem Punkt kann ich dir nur vollkommen zustimmen, allein die Idee, eine „Entweder-Oder-Spannung“ aufzubauen, halte ich für haarstreubend. Das wollte ich auch mit dem Artikel sagen, aber wie ich schon bei EinhornLiebä weiter unten kommentiert habe, in dem Moment, in dem ich den Artikel geschrieben habe, sind mir einfach zu viele Dinge durch den Kopf geschossen…

        Auch die Stelle mit den ökologischen und nachhaltig produzierten Gegenständen, den sie dann insofern kritisiert, als dass diese Produkte nicht für jede*n Menschen erschwinglich seien, fand ich nicht nachvollziehbar, denn ökologisch nachhaltig produzierte Ware mit fairen Löhnen ist eben teurer. Und auch, wenn man wenig zur Verfügung hat, kann man durch Konzepte wie Kleidertauschbörsen/Second Hand Läden bewusst konsumieren. Sie tut so, als sei es verwerflich, sich Gedanken zu machen. Natürlich hat eine 20-Jährige Studentin nicht die Ressourcen wie eine Vollzeitbeschäftigte nach 20 Jahren Berufserfahrung. Aber es geht doch gerade darum, so viel zu machen, wie eben möglich ist.

        Mit Ghandi sagst du was. Faule Socke aber echt :D

        Wenn ich in Online-Foren von Zeitungen kommentieren würde, ich hätte glatt eine ewiglange Antwort geschrieben…

    1. Miss Diamond Autor

      Danke, das freut mich sehr. <3
      Ich war gestern beim Schreiben nämlich selbst so aufgewühlt, dass ich nicht wusste, ob ich die richtigen Worte finde. Die Gedanken sind in meinem Kopf wie Blitze umhergeschossen.

      Alles Liebe
      Natalie

      Antwort

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