Grauabstufungen

Wenn wir morgens aufstehen, wollen wir alle in den Spiegel schauen können. Wir wollen zufrieden mit uns sein. Das meine ich nicht oberflächlich. Der Körper ist die Hülle, das was uns ausmacht, uns zu dem Menschen macht, der wir sind, liegt dahinter. Ist abstrakter.

Jeder Mensch hat unterschiedliche Prioritäten, legt andere Maßstäbe an. Damit meine ich nicht automatisch besser oder schlechter. Gerade wenn es um Veganismus geht, ist es wichtig, das zu erwähnen. Ich freue mich, über jeden Menschen, der sich ebenfalls für eine „tierleid-freiere“ (ich sage bewusst nicht freie, das ist leider nicht möglich in meinen Augen) Lebensweise entscheidet, maße mir aber nicht an, Menschen, die Fleisch oder Käse essen für schlechte Menschen zu halten. Dann müsste ich meine Familie, meine Freunde, einfach ein Großteil derer, die ich kenne verurteilen.

Häufig sind es gerade die Vegetarier, die den Veganern sauer aufstoßen. Die sich als konsequent ansehen, es aber eigentlich nicht sind. Nicht genug. Ich denke, man sollte niemandem, der einen Schritt in die richtige Richtung geht verurteilen, sondern lieber ermutigen. Hätte ich eher gewusst, was ich heute weiß, ich hätte schon eher etwas verändert. Veganer gab es in meinem Freundeskreis nicht, andere Vegetarier…ein paar. Der einzigen Veganerin, die ich jemals getroffen habe, habe ich auch gleich an den Kopf geknallt, dass ein Leben ohne Käse für mich nicht vorstellbar sei. Wie dumm von mir. Wie unsagbar dumm. Aber ich wusste es nicht besser und heute tut es mir natürlich sehr leid.

Auch von mir ernten viele Leute wohl nur ein müdes Lächeln, wenn sie mich fragen, was ich denn jetzt noch esse oder ob ich dieses und jenes Produkt jetzt auch schon wieder nicht essen dürfe, dabei sollte ich mich daran erinnern, dass zumindest mich ein bestimmtes, aber freundliches Kontern zum Umdenken bewegt hätte. So haben diese Arbeit eben Blogs geleistet. Es ist sicherlich ermüdend, gegen eine Wand zu reden, aber vielleicht stellt sich irgendjemand dann mal gar nicht als Wand raus, sondern als interessierter Gesprächspartner. Selbst, wenn man nur einen zum Um- oder Nachdenken bewegen kann, ist das schon ein Gewinn.

Es sind aber häufig auch Fleischesser oder andere Vegetarier, die Veganer verurteilen. Dafür, dass sie sich auf den Schlips getreten fühlen. Dass sie selbst ein schlechtes Gefühl bekommen, wenn da jemand ist, der wohl irgendwie „reflektierter“ lebt. Dieses Gefühl wird weggeschoben. Angriff ist die beste Verteidigung. Selbst wenn man sie nicht „angreift“, in dem man ihnen sagt, dass ihr Stück Fleisch auf dem Teller „Mord“ ist, fühlen sich viele durch die reine Präsenz eines Veganers attackiert. Unterschwellig angegriffen in ihren Werten und in dem, was sie rechtfertigen können. Essen bzw. jede Art von Konsum ist hochgradig emotional und wird als binäres System interpretiert: Zustimmung (jemand konsumiert das gleiche wie wir) oder Ablehnung (jemand konsumiert es nicht, lehnt uns also ab). Sie suchen aus reinem Selbstschutz nach Fehlern beim Gegenüber. So nach dem Motto: „Du kannst mich nicht ablehnen, weil ich nicht perfekt bin, du bist es auch nicht“ . Argumentativ läuft das ganze leider oftmals ohne Respekt ab und bewegt sich dann auf der Ebene „Ich bin wenigstens in meiner Inkonsequenz konsequent, doch du bist nicht konsequent genug, weil du gerade in der Kantine Wasser in einer Plastikflasche gekauft hast“!

Als meine fleischessende Kollegin mich, als ich noch ledertragende Vegetarierin war, mal auf meine Lederschuhe ansprach, konterte ich: „Klar, wäre es vielleicht konsequenter, auf Lederschuhe zu verzichten, aber immerhin habe ich nur diese Lederschuhe und esse nicht zusätzlich die 92 kg Fleisch, die ein Deutscher im Durchschnitt verdrückt“. Zu dieser Aussage stehe ich auch heute noch, denn sie ist, in anderer Form auf den Veganismus übertragbar.

Wir wollen konsequent sein. Am liebsten in jedem Bereich, aber es gibt Grenzen, die unüberwindbar sind. Vollkommen rationales Handeln erfordert vollkommene Informiertheit und tja, da fängt das Problem an, denn die Strukturen in der heutigen Gesellschaft im Allgemeinen und der (Nahrungsmittel-)Produktion im Speziellen sind so komplex, dass wir sie selbst dann nicht durchschauen könnten, wenn wir uns ununterbrochen mit ihnen beschäftigen würden.

Des Weiteren gibt es nicht nur Gut und Schlecht, Schwarz oder Weiß, Rosa oder Hellblau, whatever, sondern viele, viele Schattierungen. Viele Probleme, vor die uns der Alltag stellt. Dazu noch, viele unterschiedliche Interessen, die ineinandergreifen, aber nicht immer alle zusammentreffen. Umweltfreundlichkeit, Nachhaltigkeit, faire Arbeit, Tierleidfreiheit und dazu noch die persönlichen Bedürfnisse nach Gesundheit, freier Entfaltung etc. Dazu kommt noch, dass die meisten nicht uneingeschränkt viel Geld zur Verfügung haben.

Aus all diesen Faktoren, ergeben sich lauter Probleme für Menschen, die ethisch korrekt handeln wollen. Was soll man bloß machen: Die palmölfreien Müsliriegel nehmen, die dreifach in Plastik eingeschweißt sind (schon gesehen) oder die mit Palmöl, die in recyceltem Papier daherkommen? Den 40 Euro Polyestermantel von H&M nehmen oder den Second-Hand-Mantel mit Wollanteil, die geschenkten, alten Lederschuhe von Mama vs. 15-Euro-Schuhe aus Kunstleder (Fairtrade kann sich eben nicht jeder leisten)? Das Shirt, das mir gefällt oder das faire, das mir nicht steht? Die Creme ohne Kokosöl mit Konservierungsstoffen oder die Naturkosmetik ohne Konservierungsstoffe oder die für 50 Euro, die man sich eigentlich nicht leisten kann…

Übrigens: Leider ist häufig nicht alles am Preis festzumachen. So wird ja häufig gesagt, dass billige Deichmann-Schuhe, H&M Kleidung etc. aufgrund des Preises schon gar nicht fair sein können, was ja auch stimmt, aber: Esprit kostet ca. doppelt bis dreimal so viel wie H&M, Primark und Co. und dennoch gingen auch hier schon üble Berichte durchs Netz. Ich bezweifle, dass die Näherin in Indien oder Rumänien von den Mehrkosten im Laden etwas spürt. Leider.
Das alles ist frustrierend, wenn man selbst Zeichen setzen, verbessern, verändern oder einfach nur nicht allzu viel Schaden anrichten möchte, einfach in den Spiegel schauen und zufrieden mit sich sein will. Man möchte alles richtig machen. Immer. Überall. Aber das geht nicht. „Wir sind auch nur Menschen“.

Selbst wenn es uns mal gelingt, mit einer „Baustelle“ klarzukommen, wird irgendwo die nächste auftauchen. Wir dürfen uns nicht entmutigen lassen oder fertigmachen. Es ist wichtig, praktikable Lösungen zu finden, anstatt vor lauter Frust zu denken „dann kann ich das ja gleich alles sein lassen“. Die Welt nicht allein und nicht an einem Tag retten zu können, ist kein Argument dafür, stattdessen nach dem Motto „Augen zu und durch“ zu leben. Letztendlich  muss man vor allem mit sich selbst klarkommen, wenn X oder Y ein Problem damit haben, dann ist das halt so. Schade.

Beispielsweise bin ich arbeitende Studentin, die sich nicht immer all das leisten kann, was sie möchte. Ich würde gerne alles regional-bio, fairtrade etc. kaufen, aber mein Portemonnaie schüttelt da leider den Kopf. Klar, verzichten wo es geht und lieber Qualität statt Quantität. Trotzdem wird man mich eher mit einem alten oder Second-Hand-Wollmantel oder Lederstiefel auftragen sehen, als mit Billig-Kram von heute. Es macht den Wollmantel nicht harmloser, aber immerhin schafft man keine Nachfrage auf dem „relevanten“ Markt (da zähle ich gemeinnützige Second-Hand-Shops mal nicht zu). Aber das ist nur meine Auffassung. Ein Beispiel. Andere Veganer werden mich vielleicht genau dafür hassen. (Übrigens, darauf angesprochen kann man immer noch das eigene Verhalten erklären bzw. erwähnen, dass man mit beiden Varianten nicht ganz glücklich ist und später gerne anders handeln möchte, sobald das Geld es zulässt…)

Ich bin nicht perfekt. Ich bin nur ein Mensch. Aber gebe mein Bestes. Das ist alles, was ich habe.

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